Nach langer Zeit melde ich mich mal wieder in diesem Forum zu Wort. Nach einem erholsamen Urlaub versuche ich meine Sicht auf die Dinge darzulegen. Einiges davon reime ich mir zusammen, aber so ist das halt, wenn die Informationsquellen begrenzt sind…
Worum geht es bei 1860 denn wirklich?
1860 stürzte aus wohlbekannten Gründen (Arena-Kosten plus größenwahnsinnige Geldverbrenner (Stev…?) in eine extreme Liquiditäts- und Schuldenkrise, welche zwangsläufig zur Isolvenz geführt hätte. Der damalige Präsident (Schneider) hat in einem Geschäft mit Hasan Ismaik die Rettung gesehen und den Verein - am Ende - zu 60% verkauft, wobei 49% stimmberechtigte Anteile bei Ismaik liegen. Ismaik gab weitere Darlehen und sicherte sich im Gegenzug über HI2 die Vermarktungs- und ggfs weitere Rechte. Mit diesen Zahlungen rettete Ismaik tatsächlich 1860 vor der Insolvenz.
Wie sich herausstellen sollte, ist über die Rettung hinaus eine konstruktive Zusammenarbeit mit Ismaik nicht (mehr) möglich. Drei Präsidien traten mit unterschiedlichen Ansätzen (kooperativ-dann-konkurrierend, embedding, laissez-faire) an und scheiterten. Die Gründe hierfür sind zahlreich und liegen nicht nur (!) an Ismaik. Trotzdem bleibt aus meiner Sicht fest zu stellen:
(1) Ismaik befindet sich in einer Position der Macht und Stärke
(2) die kulturellen Unterschiede zu Ismaik sind kaum zu überbrücken
(3) Ismaik hat 1860 nicht verstanden und kann (Teile von) 1860 auch nicht begreifen (Underdog, Arbeiterverein, Tradition, Anti-Kommerz)
(4) Ismaik hat nicht nur geschäftlichen Erfolg (Arabtec) und muss sich auf andere - für ihn - wichtigere Dinge konzentrieren
(5) Ismaik verlässt sich offenbar zu 100% auf seinen Statthalter Noor B.
(6) Dieser Noor wird (mittlerweile) von keinem Verantwortlichen (außer von ihm abhängigen Beschäftigten, siehe SD: erst Schäfer jetzt Poschner) mehr Ernst genommen.
(7) Ismaik selbst ist für Vertreter seitens 1860 nicht mehr zu erreichen.
(8) Die Entscheidungssituation in den 1860-Gremien ist politisch getrieben und es dominiert bei jeder kniffligen Entscheidung die reale Angst vor dem Investor (Rückforderung Darlehen etc.)
(8) Damit torpediert die Anteilseigner-Situation grundsätzlich jeden Versuch 1860 ein Stück nach Vorne zu bringen.
Am Ende dieser Kausalkette bleibt nur eine Schlussfolgerung übrig: Damit 1860 wieder handlungsfähig werden kann, muss die Anteilseigner-Situation geändert werden. Im einfachsten Fall wäre dies eine Einigung mit Ismaik selbst. Dieser allerdings hat sein Interesse an 1860 offenbar und de facto längst verloren.
So bleibt nur: Abkauf der Anteile Ismaiks - als zwingende Voraussetzung für jede Entwicklung von 1860 - siehe Punkt 8!!
Die Vereinsgremien haben Ismaik auch eine Angebot unterbreitet, da dieser sich ja urplötzlich wieder gemeldet hat. Damit würde sich zwar nicht die Anteilssituation verändern (40-60% bzw. 50+1 zu 49%), aber es bestünde die nicht unberechtigte Hoffnung, dass neue Investoren nüchterner, münchnerischer und zielorientierter 1860 nach Vorne bringen. Schlechter als mit Ismaik als Anteilseigner kann es jedenfalls nicht werden.
Ismaiks Verhandlungstaktik (urplötzlich für Zeitungen erreichbar) und seine Forderungen („Verbindliches Angebot muss vor der MV vorliegen“) sowie seine Pokerstrategie („Verkaufe nicht, will investieren“) sind Indizien dafür, dass er offenbar weitere Verbesserungen des Angebots erreichen will. Den Willen 1860 um jeden Preis zu behalten spreche ich Ismaik ab! (Nicht aber Norr Basha, der hier natürlich ebenfalls argumentativ mitspielt)
Ich gehe davon aus, dass das Angebot zum Anteilsabkauf „gut“ war. Ismaik handelt aber aus einer Position der Stärke (Punkt 1) und versteht sich offenbar mit bestimmten Protagonisten nicht (Punkt 2), so nutzt er die MV sowie die Zeitnot vor der neuen Saison als Druckmittel.
Doch diesmal pokert 1860 offenbar mit. Die MV wird abgesagt (=Zeitgewinn), das Präsidium tritt zurück und macht den Weg frei für neue Verhandlungsführer. Es ist anzunehmen, dass der juristische „Makler“ (Bay) die Kontinuität im operativen Anteilsverkauf (Verträge, Due-Dilligence etc.) sicherstellt. S.Schneider wird dagegen die strategische Verhandlungsführung übernehmen (Rückführung der Verhandlung von emotionaler Streit- und Blockadeebene auf politische Konsens- und Sachebene?).
Am Ende könnte eine „Win-Win“-Situation stehen. Ismaik wird ausgezahlt und als 1860-Retter verabschiedet. Ismaik bewahrt sein Gesicht, stehender Applaus, dann Abtritt von der Bühne, Vorhang.
1860 hätte einen gordischen Knoten durchschlagen und könnte mit einem neuen - einem echten - Investor, sich endlich mal um Fußball, Stadion, Heimat kümmern…
Meine Schlussfolgerung für die von mir skizzierte Utopie:
Es bleibt spannend und noch bin ich optimistisch, dass man hier eine Lösung erzielen kann - wenn ein vernüftiger Neu-Investor bzw. ein Konsortium alternativer Investoren mit einem „guten“ Angebot tatsächlich da ist.
Größte Gefahr:
Die Zeit rennt trotz allem davon. Die MV am 12.07. ist schon sehr bald und wir alle drehen langsam durch. Kann die Führung von 1860 nichts vermelden, wird es in jedem Fall ungemütlich bzw. der Verwaltungsrat wird dann definitiv (vollständig?) neu besetzt. Gleichzeitig dürfen auch die Vorbereitungen der Saison eigentlich um keinen Tag mehr verzögert werden.
Der Verhandlungstaktik (von 1860) sind also Grenzen gesetzt. Persönlich würde ich als Mitglied und Fan aber den Vereinsverantwortlichen raten an die Schmerzgrenze zu gehen und die Verhandlungen mit Ismaik „durchzukämpfen“.
Größtes Risiko:
Es gibt gar keinen „guten“ Investor im Fußball und für 1860. Im Gegenteil wir treiben den Teufel mit dem Belzebub aus, tauschen also Ismaik mit irgendeinem anderen Investor und Finanzhai aus Timbuktu, China oder Rußland. Klar ziehen wir dann die schlimmste Heuschrecke des Planeten an…
P.S. Schneider implementiert im Verein Sportsachverstand (Wettberg, Grosser, Miller) als Beratergremium. Dies wurde durch die Vereinsbasis in MV und in einigen DV mehrfach gefordert. War in einer DV dabei, als man lautstark nach genau den Leuten geschrien hat. (Und es sind ja echte Löwen! Ob man das jetzt in dem Moment dringend braucht? Ansichtssache, ich persönlich finde es immer gut, wenn wir solche Löwen mit einbinden)
P.P.S. Natürlich stochere ich nur im Nebel. In der Zeitung liest man ja kaum was davon. Vielleicht male ich mir die Sache auch zu himmelblau und Suche nach einem Blauen Faden zwischen den Pressemeldungen, den es so gar nicht gibt. Aber den Pessimismus und insbesondere die feindliche Haltung gegenüber jeden Ansatz unserer Verantwortlichen möchte ich mit meinen Zeilen doch eine alternative Auslegung der Dinge entgegensetzen. Für mich ist jedenfalls die Ablösung Ismaiks und die Klärung der Anteilseignersituation heute und zukünftig Ziel Nr. 1 von 1860. (Leider kann man erst dann das Thema Fußball, Stadion, Heimat angehen…).
- Außer natürlich man begnügt sich damit den 1860 als e.V. weiter zu führen…